NEU ERSCHIENEN! ZAG 72 - Schwerpunkt: Biedermänner. Der Rassismus aus der "Mitte der Gesellschaft" gibt den Brandstiftern Zunder (Oktober 2016)

Es brennt in Deutschland. Der Rechtsterrorismus nimmt stetig zu, während die Aufklärungsquoten gering bleiben (siehe Call 73: Brandstifter). Die AfD hat in Mecklenburg-Vorpommern bei der Landtagswahl Anfang September mehr Stimmen bekommen als die CDU und wurde zweitstärkste Kraft nach der SPD. Viele Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zeigen zurzeit auf das AfD/NPD-Pack und rufen: Da sind die Brandstifter! Haltet sie!
Das greift zu kurz.

Vielmehr ist es der Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft, es ist der Rassismus der Biedermänner, der die Brandstifter unterstützt. Es ist zum Beispiel der Rassismus der CDU/CSU, die sich mit ihrem Vorstoß zur Flüchtlingspolitik von Anfang September als Regierungsflügel der AfD profiliert hat. Es ist der Rassismus von Gabriel, der "Obergrenzen" für ein Menschenrecht fordert und damit dessen Abschaffung betreibt. Sogar Sarah Wagenknecht versuchte sich im rassistischen Stimmenfang unter dem Motto "Deutsche zuerst" und erntete Applaus von der AfD. -- weiterlesen

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Die ZAG ist eine linke, antirassistische Zeitschrift, die von der Antirassistischen Initiative Berlin herausgegeben wird und seit 1991 erscheint. Die Redaktion begreift Rassismus nicht als individuelles Problem von ein paar fehlgeleiteten Jugendlichen, sondern als Unterdrückungsinstrument, das aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Entsprechend weit gefächert sind die Schwerpunktsetzungen zu Antirassismus in den jeweiligen Ausgaben der ZAG. Als antirassistische Zeitschrift thematisiert die ZAG Rassismus und Antisemitismus in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Editorial: Mit Sicherheit Angst -- Inhaltsverzeichnis -- ZAG Homepage

23. aktualisierte Auflage der Dokumentation "Bundesdeutsche Flüchtlingspolitik und ihre tödlichen Folgen (1993 bis 2015)" (10. Mai 2016)

Berlin-nazifrei 23 Jahre Recherche und Dokumentation des staatlichen & gesellschaftlichen Rassismus
Die Dokumentation umfasst Einzelgeschehnisse, bei denen Flüchtlinge körperlich zu Schaden kamen. Auch im 23. Jahr ihrer Fortsetzung und Aktualisierung ist sie ein Spiegelbild der Lebensbedingungen, denen schutzsuchende Menschen in der Bundesrepublik ausgesetzt sind. Anhand der vielen Einzelgeschehnissen (über 8000) wird der gesetzliche, behördliche und gesellschaftliche Druck deutlich, den nur die wenigsten Flüchtlinge unbeschadet überstehen können.
Die Ankunft vieler Flüchtlinge im Jahre 2015 wurde zum Anlass dafür, dass rassistische und islamophobe Organisationen im Schulterschluss mit rechtsradikalen Parteien und Gruppierungen den Rassismus auf die Straße trugen und medial salonfähig machten. Parallel dazu reagierte die Politik entsprechend und verschärfte die bestehenden ohnehin restriktiven Asylgesetze, forcierte die Entrechtung von Flüchtlingen, definierte Staaten zu "sicheren Herkunftsländern" um und arbeitete mit anderen europäischen Staaten unvermindert am weiteren Ausbau der Festung Europa.
Ziel sowohl der Straße als auch der Politik war und ist die Fortsetzung der langjährigen Nicht-Willkommenskultur in der BRD: Abschottung nach außen und die schnelle Abschiebung von hier lebenden Flüchtlingen. -- weiterlesen

Die Dokumentation umfasst drei Hefte (DIN A4). Sie kosten zusammen 30 € plus 5,00 € Porto & Verpackung. -- HEFT I (1993 2004) 10 € für 354 S. -- HEFT II (2005 2011) 11 € für 260 S. -- HEFT III (2012 2015) 12 € für 216 S. plus je 1,80 € Porto & Verpackung.

Beispiele aus 2015: Todesfälle Selbstverletzungen unterlassene Hilfeleistung
Auszug aus 2015: Der Monat September 2015
Bestellung der Dokumentation

Die Antirassistische Initiative stellt sich vor

Wir machen antirassistische Politik, um unseren Teil dazu beizutragen, rassistische Struktur abzuschaffen. Maßnahmen zur rechtlichen Gleichstellung/Gleichbehandlung von Flüchtlingen/Migrant_innen, People of Color und Schwarzen Deutschen allein werden nicht reichen, um den Rassismus in dieser Gesellschaft zu beenden. Sie können lediglich eine Voraussetzung dafür schaffen, sich gegen Rassismus und Diskriminierung effektiv wehren zu können. Um darüber hinaus die weit verbreiteten rassistischen Denk- und Verhaltensweisen in Deutschland zu überwinden, wollen/müssen wir auch die eigene Position in Frage stellen, unsere gesellschaftliche Position kritisch beleuchten und uns unserer eigenen Privilegien und Rassismen bewusst werden. Deutschland ist eine durch und durch rassistische Gesellschaft, was sich im Alltag wie auch in Sondergesetzen widerspiegelt.

Was wir denken
Wir verstehen unter Rassismus ein Herrschaftsverhältnis, das seine Wurzeln im europäischen Kolonialismus und der europäischen Aufklärung hat. Mit der Eroberung anderer Erdteile durch die Europäer_innen stellte sich für sie die Frage nach der Verhältnisbestimmung zwischen Menschen aus Europa, Amerika, Asien und Afrika.
Es setzte sich der Gedanke einer zielgerichteten Kulturentwicklung der gesamten Menschheit durch. Diese war am europäischen Geschichtsbild orientiert und ordnete außereuropäische Gesellschaften auf einem niederen Entwicklungsstand ein.
Durch das Aufkommen der Naturwissenschaften ab dem 17. Jahrhundert wurde von Europäer_innen eine Klassifizierung der Menschen in vier bis fünf Großgruppen, den "Rassen", entwickelt. Diese Rassifizierung verknüpft körperliche Merkmale mit geistig-kulturellen Eigenschaften, funktioniert somit über die Zuschreibung vermeintlich angeborener Eigenschaften. So wurde rückwirkend wiederum die Unterwerfung und Ausbeutung anderer Erdteile und der dort lebenden Menschen gerechtfertigt. Die durch die Kolonialisierung geschaffenen Abhängigkeitsverhältnisse dienen auch in der Gegenwart der wirtschaftlichen Ausbeutung der postkolonialen Länder und ermöglichen die Dominanz kapitalistischer Herrschaftsstrukturen.

Bis heute hat sich an diesem Herrschaftsverhältnis nichts geändert. Bis heute haben Menschen mit europäischem Hintergrund die Macht, zu definieren, wer zu ihnen dazugehört und wer "anders" ist, diese "Anderen" abzuwerten und in der Gesellschaft zu diskriminieren.
Rassismus bezeichnet jenen gesellschaftlichen Normalzustand, in dem Menschen, weil sie die weiße Norm nicht erfüllen, deswegen tagtäglich rassistische Erfahrungen machen müssen. Das beginnt damit, dass die Aufmerksamkeit ständig auf sie gerichtet ist, oder sie andauernd nach ihrer Herkunft befragt werden, ihre Fähigkeiten infrage gestellt werden, sie in Konkurrenzsituationen (z.B. bei der Wohnungs- oder Jobsuche) benachteiligt werden, und reicht bis hin zu rassistischer Gewalt auf der Straße.
Rassismus durchzieht alle gesellschaftlichen Bereiche: er manifestiert sich in der Alltagssprache und Bildern, z.B. in Bezeichnungen für Lebensmittel, Straßennamen, Redeweisen oder Kinderliedern. Bilder und Vorstellungen von "dem Anderen" werden unabhängig von der Anwesenheit Nichtweißer produziert. Nichtweiße egal welcher Generation werden in dieser Gesellschaft alltäglich zu Fremden gemacht. Der gesellschaftliche Rassismus wird beständig modernisiert und schlägt sich in Zeiten des "Kampfes gegen den Terror" z.B. in antimuslimischem Antirassismus nieder.

Auch im staatlichen Bereich, in besonderem Maße in der Asyl- und Zuwanderungspolitik, drückt sich Rassismus heute aus. Migrant_innen und Flüchtlingen werden in Deutschland systematisch Rechte verwehrt, die für Deutsche Staatsbürger_innen bzw. EU-Bürger_innen selbstverständlich sind: z.B. das Recht auf Bewegungsfreiheit (durch die "Residenzpflicht"), das Recht auf Bildung, das Recht zu arbeiten und Bargeld zu besitzen (durch das Gutschein- und Chipkartensystem nach Asylbewerberleistungsgesetz) und andere grundlegende Rechte.
Die krasseste Form von Entrechtung und Unterdrückung durch staatliche Politik zeigt sich für uns im Lagersystem, in "Ausreisezentren", Abschiebeknästen und in der Abschiebung von Menschen. Nicht-EU-Bürger_innen, an denen die BRD vordergründig keine wirtschaftlichen Interessen hat, erschwert sie "legal" nach Deutschland einzureisen oder ein Aufenthaltsrecht zu bekommen. Wer nicht als ausreichend definierte Papiere für eine Einreise besitzt, oder bleibt, obwohl von staatlicher Seite ein Aufenthalt nicht mehr erlaubt wird, wird somit kriminalisiert und in die Illegalität gezwungen, d.h. "illegalisiert". Rassismus wird so gewollt zur Legitimation der Umsetzung gesellschaftlicher und staatlicher Ziele benutzt. Im Alltag Illegalisierter kann hingegen so allein eine simple Fahrkartenkontrolle zu Abschiebehaft und Abschiebung führen. Gleichzeitig erleichtert dies wiederum, ihre Arbeitskraft in erpresserischen wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnissen auszubeuten.

Was wir machen
Die ARI ist seit 1988 aktiv. Nach der gewaltsamen Räumung der Yorck 59 im Jahr 2005 befand sich die ARI mehrere Jahre in der Colbestr. 19 in Friedrichshain. Seit Februar 2012 treffen wir uns in den Räumen von Allmende (Kottbusser Damm 25/26). Die Dokumentationsstelle befindet sich im Südflügel des Bethanien in Kreuzberg.

In der politischen Kooperation ist es uns besonders wichtig, mit selbstorganisierten Flüchtlings- und Migrant_innengruppen und People of Color zusammenzuarbeiten.

Mit Demos und Presse- und Öffentlichkeitsarbeit unterstützen wir Personen, wenn diese sich für ihre Rechte einsetzen oder gegen ihre Illegalisierung und Abschiebung zur Wehr setzen. Dabei versuchen wir thematisch eine Brücke vom Einzelfall zum rassistischen Normalzustand zu schlagen. Wir thematisieren, wie Gesetzgeber und Ausführende auf den Behörden eine systematische Ausgrenzung nach rassistischen Kriterien betreiben. Dagegen setzen wir die Solidarität mit den Betroffenen.

Wir initiieren und unterstützen Kampagnen und beteiligen uns an Bündnissen, die sich gegen rassistische Gewalt, (staatliche) Diskriminierung und Ausgrenzung richten. Konkret beteiligten wir uns z.B. an der Anti-Lager-Action-Tour 2004, dem Bündnis "Stopp Abschiebung", dem Migrationsbündnis gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm im Juni 2007, der Kampagne "Integration? Nein Danke!" und unterstützten Hungerstreiks von Flüchtlingen im Abschiebeknast Grünau. Seit ihrer Gründung waren wir über viele Jahre Teil der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh. 2012 und 2013 beteiligten uns an der Vorbereitung des Festivals gegen Rassismus Zurzeit sind wir u.a. aktiv in dem nach dem Bekanntwerden der Morde des NSU im Dezember 2011 gegründeten Bündnis gegen Rassismus sowie der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak B..

Die Dokumentationsstelle der ARI gibt die jährlich neu erscheinende Dokumentation "Bundesdeutsche Flüchtlingspolitik und ihre tödlichen Folgen" heraus.
Die Zeitschrift ZAG, die von einer unabhängigen Arbeitsgruppe herausgegeben wird, erscheint halbjährlich und versteht sich als Forum für antirassistische Theorie und die Entwicklung von Handlungsperspektiven.

Wir arbeiten bereichsübergreifend; wir denken nicht nur über Antirassismus nach, sondern genauso über Themen wie "zunehmende Kontrolle der Gesellschaft durch die Herrschenden". Daraus könnte sich ein Wandel der Parolen ergeben, die wir in der AntiRa-Bewegung vertreten. "Papiere für Alle" in der Überwachungsgesellschaft macht keinen Sinn mehr, vielleicht sollten wir eher "Keine Papiere für alle" fordern - eine Parole, die das Recht der Herrschenden auf Überwachung und Kontrolle infrage stellt und die Papierlosen metaphorisch zu Vorreitern eines erstrebenswerten Zustandes macht.